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Was macht eigentlich Hans Jörg?

“Wir haben ein echtes Fußballmärchen erlebt”

Verein 08.06.2021, 11:09

Neben Helmut Haller war Hans Jörg in den Siebziger Jahren einer der herausragenden Spieler beim FCA. Im Stadionkurier spricht der 70-Jährige über die Meisterschaft mit dem FC Bayern München, sein Verhältnis zu Haller und ein echtes Fußballmärchen.

Hallo Herr Jörg, wo habe ich Sie gerade erreicht?
Ich sitze zuhause an meinem Schreibtisch vor dem PC und gehe meine Emails durch. Ich informiere mich eigentlich täglich, was sich im Finanzleben so tut.

Sie hatten viele Jahre eine erfolgreiche Steuerkanzlei in Kempten. Sind Sie jetzt im verdienten Ruhestand?
Ja, ich habe meine Steuerkanzlei übergeben und genieße jetzt das Leben, soweit es Corona zulässt.

Sie sind 1972 als 21-Jähriger vom unterklassigen Amateurklub FC Kempten zum FC Bayern München gewechselt. So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Damals gab es noch die Bayernauswahl und wir haben 1971 bundesweit den Länderpokal gewonnen, so konnte man sich in den Fokus spielen. Ich habe daraufhin zweimal beim FCB unter Udo Lattek ein Probetraining absolviert und bekam ein Angebot vorgelegt. Parallel dazu wollte mich übrigens auch der VfB Stuttgart verpflichten, aber ich habe mich für die Bayern entschieden, weil dieses Angebot besser war und die Münchner auch entschlossener aufgetreten sind.

"Augsburg erlebte eine Fußballeuphorie, die Zuschauer strömten nur so in die Rosenau."

Wie war es denn, mit Superstars und frischgebackenen Europameistern wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Paul Breitner und Gerd Müller in einem Team zu stehen?
Das war natürlich ein Traum. Ich hatte Glück, mit Bulle Roth stand noch ein weiterer Allgäuer im Team und er half mir, mich schnell zu integrieren. Damals wurde allerdings kaum rotiert, es standen quasi immer dieselben Spieler in der Startelf und deswegen kam ich auch nur zu einigen Einsätzen.

Es hat gereicht, Sie wurden 1973 Deutscher Meister.
Ja, das ist ein Titel, den mir keiner mehr nehmen kann. Hennes Weisweiler hat mal gesagt, dass das 72/73er-Team vom FC Bayern, das beste überhaupt war.

Sie sind dann als amtierender Meister zum FC Augsburg gewechselt. Wie kam der Transfer zustande?
Der FCA wollte mich schon ein Jahr vorher haben. Ich kannte viele Spieler aus der Bayernauswahl, wie etwas Heiner Schuhmann oder Winni Fink. Bayern wollte mich zuerst nicht gehen lassen, erst als sie Ronald Wurm vom MSV Duisburg verpflichtet hatten, durfte ich wechseln. Eigentlich wollten sie mich an VOEST Linz verkaufen, weil die mehr geboten hatten. Ich wollte aber neben dem Fußball unbedingt studieren und der FCA hat mir das ermöglicht. Als Schwabe wollte ich außerdem in der Nähe meines Heimatorts Kempten wohnen, das alles hat dann den Ausschlag zu dem Wechsel gegeben.

Ein Glücksgriff für den FCA. Auch für Sie?
Wenn man das rückblickend betrachtet, dann ist es absolut so. Ich bin nach Augsburg gewechselt, als hier mit der Rückkehr von Helmut Haller ein echtes Fußballmärchen begann. Augsburg erlebte eine bis dato nicht gekannte Fußballeuphorie, die Zuschauer strömten nur so in die Rosenau. Wir blieben bis zum 17. Spieltag ungeschlagen und am Saisonende wurden wir Meister. 

Wie war das damals in Augsburg, konnte man ungestört in Restaurants gehen und durch die Stadt bummeln?
Ich bin in den ersten Monaten gependelt, weil ich meinen Wehrdienst absolviert habe. Danach habe ich in Lechhausen gewohnt. Klar, man wurde schon erkannt und auch angesprochen, aber zu heute ist das kein Vergleich, da herrscht ein ganz anderer Starkult. Die Medienlandschaft war eine ganz andere, es gab kein Instagram und kein Facebook und die Spiele wurden damals auch nicht live im TV gezeigt.

Sie haben vorhin ihr Studium erwähnt.
Ja, das war mir ganz wichtig, ich wollte mir unbedingt ein zweites Standbein aufbauen. Und so bin ich vormittags in die Uni und nachmittags ins Training. Ich habe mir das sogar in meinem Vertrag schreiben lassen, dass ich bei wichtigen Vorlesungen vom Training befreit bin.

Wenn ich behaupte, dass der wichtigste Spieler in den 70er Jahren beim FCA neben Helmut Haller Hans Jörg war, was würden Sie entgegnen?
Da sind Sie ganz gut informiert. (lacht) Ich hatte schon eine sehr gute Zeit beim FCA und wenn ich mal in Augsburg bin, werde ich immer noch erkannt. Das ist ein schönes Gefühl, wenn die Leute einen nicht vergessen.

„Ich habe Sympathien für den FC Bayern, aber mein Herz schlägt rot-grün-weiß.“

Sie und Helmut Haller, das war schon eine besondere Beziehung, oder?
Helmut war der Spiritus Rector des Teams. Er war ein toller Spieler, technisch überragend. Overath hatte einen starken linken Fuß, Netzer einen starken rechten, aber Helmut war beidfüßig Weltklasse. Wir haben uns auf dem Platz blind verstanden, er kannte meine Laufwege und wusste immer, wie er mich anspielen musste. Aber auch menschlich waren wir uns sehr nahe. Er war ein toller Kerl, hilfsbereit und mit viel Humor. Ich hatte schon 1966 kurz nach der WM in England meine erste Begegnung mit ihm. In Kempten fand ein Wohltätigkeitsspiel statt und der Helmut war auch dabei. Ich habe mir kurz vorher sein Buch gekauft und es mir nach dem Spiel signieren lassen. Als ich ihm das Jahre später gezeigt habe, konnte er es gar nicht glauben.

Sie haben 189 Spiele für den FCA absolviert und dabei 55 Tore erzielt. Sie sind auf Platz 3 in der ewigen, internen Torschützenliste. Auf Platz 1 liegt Christian Radlmaier mit 62 Treffern, der andere hat nur ein Tor mehr erzielt als Sie.
Mir liegt der Name auf der Zunge. Ich weiß, wie er aussieht, aber mir fällt er jetzt nicht ein...

Michael Thurk...
Ja, genau! Den habe ich auch gemeint. Ein Tor mehr? Aber er war Stürmer, ich Mittelfeldspieler und dafür habe ich eine ganz gute Trefferquote. In meiner erfolgreichsten Saison beim FCA sind mir 19 Tore gelungen.

Sie haben von 1973 bis 1981 beim FCA gespielt, waren jahrelang Kapitän. Das ist eine sehr lange Zeit, gab es denn nie Abwerbungsversuche?
Ich hatte immer wieder mal Angebote, unter anderem von Mainz 05 oder dem SSV Ulm. Ein Münchner Immobilienmakler ist damals bei Mainz eingestiegen und hat mit viel Geld Spieler geködert. Ich bin trotzdem beim FCA geblieben. Letztendlich war das genau richtig, denn in Mainz floss wohl auch viel Schwarzgeld und das kam dann irgendwann alles ans Tageslicht.

Sie haben also alles richtig gemacht?
Fast, nur wäre ich 1974 schon sehr gerne in die Bundesliga aufgestiegen. Leider hat uns in der Relegation dann am Ende ein einziges Törchen gefehlt, das war richtig bitter. Und nach der Saison 1978/79 sind wir leider abgestiegen, aber schon im nächsten Jahr ging es wieder rauf in die 2. Bundesliga.

Haben Sie sich mal gewünscht, 20 Jahre später Profi gewesen zu sein?
Nein, eigentlich nicht. Natürlich verdienen die Spieler heute mehr, aber wir hatten ein lockereres Leben. Heute dreht sich alles nur noch um Fußball, man steht brutal im Fokus, man ist schnell der Held, aber auch schnell der Trottel. Mir war immer mein Studium wichtig und dafür habe ich schon auf die eine oder andere Mark verzichtet.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu den alten Sportkameraden?
Ja, gerade mit Winnie Fink, Klaus Vöhringer oder Wolfgang Haug telefoniere ich regelmäßig. Die anderen Jungs sehe ich einmal im Jahr, wenn wir uns in Augsburg treffen. Da gehen wir immer vorher etwas essen und dann gemeinsam ins Stadion. Das ist dieses Jahr leider wegen der Pandemie ins Wasser gefallen. Ich hoffe, dass wir das bald wieder machen können.

Wie intensiv verfolgen Sie heute noch das Geschehen rund um den FCA?
Fußball ist meine Leidenschaft und ich bin da noch voll dabei. Ich habe Sympathien für den FC Bayern, aber mein Herz schlägt rot-grün-weiß! Ich freue mich sehr, dass der Verein jetzt schon so lange in der Bundesliga mit dabei ist. Und als Finanzmann attestiere ich den Verantwortlichen eine gute Wirtschaftspolitik. Sicherlich träumen einige Fans von weiteren Spielen in der Europa League, aber der FCA hat ein tolles Stadion und steht auf gesunden Beinen, das muss man sich immer vor Augen halten. (ws)

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Stadionkurier